VIKTOR
NIKOLAEV
Zum Werk von Viktor
Nikolajew
Ausstellung in Staatliche Tretjakow-Galerie 12.05 - 30.05
1993
Die Malerei Viktor
Nikolajews nimmt eine Sonderstellung in den postmodernen Strömungen
ein, die man die inoffizielle Sowjetkunst nennt. Seine ungegenständliche
Sprache hat wenig gemeinsam mit den modischen Tendenzen der
russischen Kunst der 70er und 80er Jahre, wie der sowjetischen
Pop-Art, dem konstruktivistischen Geometrismus, dem Hyperrealismus,
dem Konzeptualismus oder dem neo-figurativen Ausdruck. Unter
diesen Strömungen, die von zahlreichen Künstlern vertreten
werden, sind die polychromen Kompositionen Nikolajews mit
ihrer manuellen und wie unüberlegten Spontaneität eine Ausnahme.
Es wäre jedoch falsch, die Malerei Nikolajews ohne weitere
Untersuchung als Manifestation des Neo-Traditionalismus anzusehen
und unter der Rubrik der lyrischen Abstraktion einzuordnen.
Denn es handelt sich hier nicht um die Gesten eines Einzelgängers
und noch weniger eines Epigonen. Gewiß, man sieht in seinen
Kompositionen der 70er und 80er Jahre Reminiszenzen der plastischen
Entdeckungen der Schöpfer der lyrischen Abstraktion, sei es
Pollock, Mathieu, Michaux oder Soulages; diese Arbeiten
sind geprägt durch Originalität und eine „regionale" Spezifizierung.
Der Ausdruck einer nicht-gegenständlichen Kunst entsteht bei
ihm aus einer spontanen Gebärde, nachdem sie durch den Kontakt
mit der sowjetischen Underground-Kunst an Sicherheit
gewonnen hat, nachdem sie, wie letztere eine beschleunigte
Evolution im Laufe der letzten zwanzig Jahre gekannt hat und
schließlich in der Phase der„postkonzeptionellen"Kunst eingetreten
ist.
Nikolajew hat sich erst relativ spät, 1969, zum Malen gewandt.
Wie fast alle Maler der sowjetischen Avantgarde der drei Generationen
nach dem Krieg kannte er die Werke der Meister des 20. Jahrhunderts
durch Reproduktionen, Bücher und einige seltene Bilder, die
nach 1955 in sowjetischen Museen ausgestellt wurden. Die erzwungene
Trennung von der natürlichen Evolution der Kunst und
der ästhetischen Denkweise der restlichen Welt hat bei den
sowjetischen Künstlern eine Art „a contrario"-Reaktion ausgelöst,
die die individuelle Geste und den Widerstand anregte, nicht
nur gegenüber der offiziellen Kunst, sondern auch gegenüber
den künstlerischen Gruppierungen, die sich letzterer
entgegenstellten.
Zu Beginn der 70er Jahre orientiert sich der sowjetische Underground
zur Ästhetik der „Neuen Sachlichkeit", die in den westlichen
Ländern gepriesen wurde, die er gegen Ende der 50er und Anfang
der 60er Jahre praktiziert hatte und wendet sich dem
Konzeptionalismus zu, am Vorabend der Geburt der sowjetischen
Variante der Pop-Art. Nikolajew seinerseits sah keinen inneren
Grund, seine persönliche Variante der „Dissidentenkunst" zu
kreieren. Das gesellschaftliche Engagement, unter welcher
Form auch immer, ist seiner Natur fundamental fremd.
Der Künstler wird mitgerissen durch die plastischen und existentiellen
Entdeckungen der großen Vorläufer. Dieses Sich-Hinreißenlassen
äußert sich durch große weiße Flächen, gefüllt mit Linien
und Farbtupfern, rhythmisiert durch die Farben. Mit dem Versuch,
die räumlichen Poten tiale der zweidimensionalen Struktur
der Leinwand oder des Papiers zu akzentuieren. Dieses Verfahren
führt progressiv zur „Annektion" anderer räumlicher Strukturen,
und stellt das Problem der Transformation der Umgebung mit
der letztendlichen Perspektive einer „totalen" Kunst.
Nikolajew zieht 1980 an das Meer: Erwacht am Strand bei Sonnenaufgang
auf und arbeitet bis Mittag, malt Gouachen, füllt Skizzenbücher.
Das Prinzip der Serienkomposition erweitert sich auch auf
seine großformatigen Arbeiten. Er verzichtet auf Öl, zieht
wasserlösliche Farben vor, die es erlauben, die Gradationen
und Kontraste der Farben feiner wiederzugeben und wie
in den chinesischen Kompositionen den Effekt intensiver Emotion
durch die Umwandlung von Räumen verschiedener Natur zu erreichen.
Eines der Probleme, dem sich Nikolajew seit Anfang der 80er
Jahre gegenübersieht, ist die Befreiung von der Flüchtigkeit
des täglichen Lebens, womit er gewissermaßen dem Weg der Avantgarde
der Nachkriegszeit folgt. Auf diesem Weg begegnet er zahlreichen
„Versuchungen" der nichtgegenständlichen Richtung, insbesondere
indem er die Methode von J. Pollocks spontanem Dripping anwendet.
Die intuitiven Höhenflüge der Acrylfarben kreieren auf quadratischen
oder rechteckigen Flächen Konstruktionen diverser Form, die
dem Verdacht späterer Veränderung unterliegen können und wie
von kosmischer Energie geladen sind. Aber diese Farbschwingungen
sind noch nicht von ihrem Autor losgelöst. Die Verschmelzung
mit dem Material wird erreicht, als er zu einer manuelleren
Technik übergeht, die Gouache und Papier verwendet. Man beobachtet
das Auftauchen von Serien sehr großen Formates, innerhalb
deren jedes Werk, ohne die direkte Fortsetzung des Vorangegangenen
zu sein, in Bezug auf Rhythmen und Farben, wie ein Kettenglied
der visuellen Metamorphosen eines Gegenstandes erscheint,
der sich selbst entdeckt. Diese Serien, innerhalb sehr kurzer
Zeit ausgeführt, enthalten Leinwände, die, wie aus dem Chaos
geboren, aus dem „Nichts" ohne Form, figurative Elemente erscheinen
lassen, Gesichter, Objekte, Tiere. In der Produktion Nikolajews
der letzten zwei Jahre sieht man weniger dramatische Bilder,
durchdrungen von einer philosophischen Ernsthaftigkeit, deren
figurative Elemente an die prähistorischen Fresken in Felshöhlen
erinnern. Unbewußte Gesten eines Künstlers, eingetaucht in
die Tiefen des Unterbewußtseins.
Die Kunst Nikolajews in ihrer Besonderheit und ihrem organischen
Wunsch nach nicht-gegenständlichem Ausdruck stellt die Frage
nach der Überlebensfähigkeit der reinen Abstraktion, eine
Strömung, die zu den wichtigsten Phänomenen der Bildkultur
unseres Jahrhunderts zählt.
Marina Bessonova
Direktorin der Abteilung für westliche Kunst,
Puschkin-Museum, Moskau
Viktor Nikolaev: CHRAM
Viktor Nikolaevs Bilderserie
“Chram” (Kirche, Kathedrale) ist das Produkt zweier Langzeitprojekte.
In den 60er Jahren hat der Moskauer Restaurator Boris Sergejev mehr
als ein Jahrzehnt lang orthodoxe Kirchen und Kathedralen in der
Umgebung Moskaus photographiert. Diesen riesigen Schatz von Schwarz/Weiß-Photographien
hat der in Berlin lebende russische Maler Nikolaev jetzt gehoben.
Er hat die Negative nochmals entwickelt und mit einem Projekt seiner
Hand verbunden. Seit Jahren malt und übermalt Nikolaev Photographien
verschiedenster Herkunft mit einer eigenen, von ihm entwickelten
Kalligraphie. Deren erste Grundlagen hat er vor Jahren in einem
mehrmonatigen Austausch mit einem japanischen Kalligraphen gelernt.
In der Zusammenführung zweier Kunstfertigkeiten und Künstler ist
eine große Bilderserie entstanden: Photographien von Kirchenruinen,
aus denen sich an einer bestimmten Stelle ein verschlungenes, schwarzes
Pinselkalligramm erhebt.
Worin, worüber
aber schweben Nikolaevs Zeichen? Er selbst spricht sie als “schwarze
Kraft” an. Sie steigt aus den blinden Kirchenbauten wie die Seele
aus dem Mund des Verstorbenen auf alten Grabsteinen. Doch hier sind
es Bauwerke, die ihr eigener Grabstein sind, und der hat eine lange
Geschichte. In Westeuropa machte die napoleonische Säkularisation
aus Kirchen und Kathedralen Schweineställe. Die sowjetische Säkularisation
des 20. Jahrhunderts hat sie einfach verlassen. Am Rande eines Feldes,
zugewachsen zwischen Bäumen an einer leeren Landstraße stehen sie,
alles Holz von Portalen oder Fenstern herausgenommen in schlechten
Krieg-und- Frieden-Zeiten zum Heizen oder weiter Bauen, das Gold der
Dächer abgeschält, der Stein der Türme in Winter und Wetter zernagt.
Übrig blieben dreidimensionale Kalligramme aus Stein, von der Zeit
einer Macht in den Himmel geschrieben, die siebzig Jahre alt wurde.
Lesen könnte sie nur, wer wüßte, warum eine orthodoxe Religion, die
keine Skulpturen, sondern nur Bilder zuläßt, aus den Gebäuden selbst,
in denen die Bilder wohnen, Skulpturen machte, feierlich bekleidet
mit Gold und mit Farben. Was fragen diese Gebäude jetzt: ohne byzantinisches
Ornat, ohne Gold und die Fülle des Steins?
Einstweilen
antworten darauf nur Viktor Nikolaevs
Pinsel-Zeichen.
Der Ausgangspunkt der gemeinsamen
Arbeit des Moskauer Malers Viktor Nikolaev und des Fotografen Georg
Wilde ist ein Symbol der wechselvollen deutschen Geschichte - der Reichstag,
verhüllt von Christo und Jeanne-Claude. In Nikolaevs Zyklus erfährt
deren Aktion eine Fortführung. Das sakrale Zeremoniell der Verhüllung
und die Mystik des Verhüllten inspirieren Nikolaev zur Behandlung
der Fotografien von Georg Wilde mit malerischen Mitteln. Der künstlerische
Dialog eines Malers und eines Fotografen führt zu einem gelungenen
Zusammenwirken der beiden Gattungen. Die Fotografie, traditionsgemäß
eine authentische Wiedergabe der Realität repräsentierend,
verbindet sich in einer synergetischen Synthese mit dem fiktiven Medium
der Malerei.
Viktor Nikolaev ist eine einzigartige, von der Nähe zur Kalligraphie
geprägte Ästhetik eigen. Die Übermalung, der Palimpsest-Tradition
zugehörig, bringt eine Art abstrakte kalligraphische Zeichen hervor.
Dies sind Zeichen, die zugleich keine sind. Mit dem verhüllten
Reichstag gehen sie eine plastische Wechselbeziehung ein, wobei sie
skulpturartige Züge annehmen und den Betrachter durch ein Spektrum
emotionaler Assoziationen und Visionen führen, die sich keineswegs
nur in Erinnerungen erschöpfen. Die der Bilderreihe zugrundegelegte
Übermalungstechnik produziert ein interessantes Wahrnehmungsphänomen
und macht es möglich, die Wechselbeziehung verschiedener Elemente
neben ihrer hinreißenden Gegenüberstellung zu zeigen. Genauso
wie Christo, der den Reichstag durch dessen Verhüllung in einen
künstlerischen Kontext gesetzt hat, hebt Nikolaev das Material
in diesem Kontext durch Hinzufügung plastischer Malerei auf ein
neues Metaniveau.
Martina Verena-Sparn
1996
Das Projekt Viktor Nikolaevs
verdient Beachtung, weil es die Möglichkeit gibt, eine neue, gerade
für unsere Tage charakteristische Art des Zusammenwirkens konzeptueller
und visueller Mittel in der plastischen Kunst zu fixieren. In der traditionellen
Malerei wurde auf der Leinwand ein Fragment der Umwelt reproduziert.
Das umrahmte Gemälde hängte man an die Wand, wo es die Illusion
eines Fensters zur Wirklichkeit schuf. Nach der Erfindung der Fotografie
verwandelte sich die Malerei allmählich in ein Mittel, mit dem
der die Wirklichkeit wahrnehmende Künstler seine Innenwelt abbildete.
Während sie sich in dieser Richtung entwickelte, büßte
die Malerei sukzessive alle ihre konstituierenden Merkmale (Rahmen,
Leinwand, Farben) ein, hörte schließlich auf, die Malerei
als solche zu sein, und evolutionierte zu Laborversuchen hin, die allerlei
perzeptive Situationen reproduzieren. Im Rahmen dieses Paradigmas arbeitet
lange und erfolgreich Christo, der mittels seiner gigantischen Verpackungsprojekte
zu einer neuen Sicht auf die Artefakte veranlaßt, die bereits
zu farblosen Fragmenten unserer Umwelt und unseres Alltags geworden
sind.
In Nikolaevs Projekt beginnt die Evolutionsspirale, sich jäh und
rapide zurückzudrehen. Christos extrem konzeptuelle Schöpfung
wird von der herkömmlichen und leidenschaftslosen (gleichwohl visuellen
Effekten nicht abgeneigten) Kamera Georg Wildes festgehalten. Daraufhin
stellen sich Farben wieder ein: Die Fotografie wird zum Hintergrund
für eine Pinselführung, wie sie dem abstrakten Expressionismus
der 50er Jahre eigen war. Und dann wird noch ein - rein technologischer
- Schritt getan, wonach wir vor uns eine traditionelle Leinwand haben,
die man, wie in alter guter Zeit, in einen Rahmen setzen und an die
Wand hängen kann. Die aktuelle plastische Kunst, in den letzten
Jahren weithin um ihr Publikum gekommen, hat wieder eine Erfolgschance.
Eine gute konzeptuelle Idee schließt, wie ersichtlich, eine gediegene
materielle Gestaltung keineswegs aus, und das, was dabei herauskommt,
kann nicht nur Ausstellungssäle zieren. Im vielschichtigen "Neokonservatismus»
des Nikolaev-Projekts ist neben der für einen Künstler natürlichen
Suche nach einer adäquaten Selbstäußerung deutlich der
Versuch zu spüren, sich in einem künstlerischen und soziokulturellen
Milieu zurechtzufinden, das erst im Entstehen begriffen ist.
Alexej Michejew
1999
Viktor Nikolaev ist bekannt
als Maler, der sich in den Grenzen expressiver und lyrisch betonter
Abstraktion bewegt und originelle Leistungen in abstrakter Kalligraphie
vorweisen kann. In seinen neuen Projekten geht er über rein plastische
Problematik und meditative Entrücktheit hinaus. Die üblichen
malerischen Mittel werden hier in einem völlig unerwarteten Zusammenhang
eingesetzt. Vor etwa dreißig Jahren nahm sich die einst arrogante,
herausfordernde und in ihrem Erneuerungsdrang aggressive abstrakte Malerei
neben der Kunst der folgenden Generation, die auf Pinsel, Leinwand und
Farben gänzlich verzichtet hatte, schon nahezu konformistisch aus.
Doch die Zeit vergeht, und die unwahrscheinlichsten konzeptuellen Aktionen
werden heute bereits als durchaus renommierte, museale und keineswegs
schockierende Kunst empfunden.
Die neuen künstlerischen Experimente Viktor Nikolaevs sind eine
Symbiose von zeitlich und in ihrem Wesen unterschiedlichen ästhetischen
Phänomenen, in der sich ein kreativer Diskurs in Zeit und Raum
entwickelt. Am deutlichsten artikuliert er sich in der "Reichstag"-Bilderreihe.
Zum Gegenstand einer neuen Sinngebung wurde für Nikolaev die spektakuläre
Geste des berühmten Christo, der in Berlin das Reichstagsgebäude
verhüllt hatte. Als gleichberechtigter Partner Nikolaevs tritt
in diesem schöpferischen Dialog Georg Wilde auf, deren Arbeiten
man mit Fug und Recht Fotogemälde nennen kann. Im Endeffekt entsteht
der Eindruck einer eigenartigen visuellen und ideellen Vielschichtigkeit
des Raumes. Es gibt hier zumindest drei räumliche Wahrnehmungsebenen:
das Ausgangsobjekt der Interpretation; eine vortreffliche Fotografie,
die die baulichen Besonderheiten des Objekts etwas distanziert wiedergibt
und es in einen bedingt-illusorischen Raum setzt; und schließlich
die ins abgesonderte Repro-Territorium plötzlich dringenden Pinsel-
und Federstriche eines Malers und Kalligraphen. Christos Hüllen
entziehen unserem Blick die imposanten und prunkvollen Formen eines
Gebäudes, das nicht so sehr einen formell-ästhetischen Wert
besitzt, wie vielmehr bestimmte geschichtliche Inhalte verkörpert.
Georg Wildes Fotografien bieten eine bizarr-verfremdete Wahrnehmung
der architektonischen Landschaft in den Momenten ihrer zauberhaften
Verklärung, im flüchtigen und ewigen Wechsel von Tag und Nacht.
Nikolaevs Pinselführung ist hierbei besonders energiegeladen, obwohl
die vehementen Farbenergüsse die Perzeption des Raumes keineswegs
erschweren; im Gegenteil, sie schärfen unseren Blick. Farbenkräftige
Wirbel und Magmaströme erwecken die Illusion wuchtiger plastischer
Formen: Gebieterisch erheben sich in der Landschaft gespensterhafte
Monumente und geheimnisvolle abstrakt-figurative Standbilder. Fließend
und kurzlebig wie Wolken und Rauch oder fest und hart werdend wie etwas
aus dem Erdinneren Ausgestoßenes, ähneln diese malerischen
Phantome bald den Zeichen des Himmels, bald den von der Natur wohlgeformten
Gesteinen, bald den in Krämpfen erstarrten Stämmen urzeitlicher
Bäume. Mitunter möchte man diese abstrakten Gebilde einfach
Kreaturen nennen, die sich mediumistisch zum Genius loci hingezogen
fühlen. Die Verquickung der unbändig-begeisterten Malerei
mit der kalten überpersönlich-objektiven Materie einer Fotografie
hat den paradox anmutenden Integritätseffekt zur Folge. Die farbenprächtigen
Ströme und Rinnsale, die unvermutet eine seltsame Körperlichkeit
erlangt haben, scheinen sowohl von der Natur als auch von der menschlichen
Kultur hervorgebracht zu sein - als Denkmäler für abstrakte
Malerei, vielleicht aber auch für die Malerei Oberhaupt.
Der konzeptuelle Effekt dieser Bilderreihe hängt seltsamerweise
mit einem konsequenten Einsatz rein plastischer Mittel zusammen. Das
Integrale auf jedem ausgestellten Blatt soll nicht nur den Verstand,
sondern auch die Gefühle des Betrachtenden ansprechen. Die Emotion
als solche wird rehabilitiert und tritt in ihre Rechte. Aufgehoben wird
auch die eigentliche Trennlinie zwischen Subjektivem und Objektivem,
zwischen Konzeptuellem und Plastischem, zwischen Idee und Material.
Durchlässig werden auch die Grenzen zwischen Sozien und Mentalitäten,
und das erhebt das Projekt Nikolaevs über das pure künstierische
Experiment und verleiht ihm einen hohen kulturologischen Wert.
Sergej Kuskow
1999
Ei - Form
"Das Ei ist Symbol der Unendlichkeit,
des Absoluten, von ewigem Anfang. Ins Innere des Seins eindringen, die
absolute, statische Form berühren! Ewig pulsierender und entgleisender
schöpferischer Anfang. Der Glaube an den Weg tragt zur Unendlichkeit"
(Viktor Nikolaev).
Nicht ohne Grund spielt das Ei im Brauchtum vieler Kulturen eine wichtige
Rolle. Welche Form könnte überzeugender als Gleichnis der
Harmonie gelten? Das Ei: ohne scharfe Kanten und verletzende Ecken der
Kugel ähnlich, hat es dagegen kein eindeutiges, scharf bestimmtes
Zentrum, sondern ein lebendiges Ungefähr in seinem Innern. Wer
ein echtes Ei betrachtet, sieht unter der zerbrechlichen Schale mit
dem geistigen Auge zugleich eine geschützte, verborgene Mitte,
ein Bild für zukünftiges Leben, für Möglichkeiten
der Entfaltung. In seinen Bildern setzt Viktor Nikolaev die Eiform in
spannungsvolle, vielschichtige Beziehung mit seinen kalligraphischen
Gesten. Die abstrakten Zeichen die sich über die Bildoberfläche
ziehen oder sich niederlassen auf den Gegenständen, sind eine Niederschrift
psychischer Befindlichkeit: dynamisch, weit entfernt von der in sich
ruhenden Geschlossenheit der Eiform, aber ebenso lebendig. Der Realismus
der Fotografien steht im Kontrast zur Gestik des Farbauftrags. Beide
Pole bindet die Farbe in eins. Die symbolische Tiefe des Eis wird Träger
für die geheimen, nie zu entschlüsselnden Botschaften der
Kalligraphie. Viktor Nikolaev arbeitet abstrakt seit dem Jahr 1970,
einer Zeit, in der dies in der Sowjetunion noch keineswegs selbstverständlich
war. In den letzten 15 Jahren befasste er sich mit verschiedenen Formen
der Kalligraphie. Er hatte über 30 Einzelausstellungen in Galerien
und Musseen Russlands und Europas. 1993 zeigte er eine Einzelausstellung
in der Moskauer Staatlichen Tretjakov-Galerie, 2000 zeigt er Arbeiten
im Museum Skopje, Makedonien. Er arbeitet ständig mit den Galerien
Bernard Vidal, Paris; Friedrich, Köln zusammen und in jüngster
Zeit auch mit der Galerie Bischoff, Stuttgart/Berlin
Being an abstract artist
resupposes a philosophical mentality and nature. This is a universally
accepied point of view ihat has some truth to ii-work with abstract
forms and use of crystal-clear means of expression induces a kind of
intellectual reflexion and speculation as to the general laws of the
form and space. For Victor Nikolayev, abstactionism is his natural element,
the essence of his inner self, which explains his originality and his
standing apart even among likeminded fellow artists. For manz zears
Victor, being hardly recognized, has been persistent in realizing a
programme of his own which has nothing that could be called programmatic
in it.
The apparent anliprogrammatic characler of his work is manifest in ihe
fact that spontancous jeslures that, most probably, underlie any abstract
expressionism are consciously not controlled or modulaied by the artist.
Every work of his is reminiscent of a spontaneous - lachiste-outpouring
of emotions -strokes that remind one of wild plants, a vague identification
of the upper and lower part of the work and free combination of colours.
Forms appear as a caprice, an unpredictable result of a free habutual
handwring. However, the graphological features of this handwriting are
fairly regular and form a kind of inner canon in ihe framework of which
ihe configuration of elements is determined bv ihe state of mind of
ihe artist who chooses a speciiic rate of his pictorial speech, its
colouristic inionation as well as ihe size and the material.
Confidence in such subjective spontaneity is fraught with aesthelic
chaos, but the latter hardly can be traced in Nikolayev's works. Despite
ihe expressionistic spontaneity of ihe pictorial language, nearly all
of ihem bear an imprint of a sophisticated harmony, none of them is
accidental, as if they were shorthand recordings of some natural rhythms
of ihe universe to which the brush of the artist responds a sensitive
membrane. Apparenty, the guiding principle of which ihe artist himself
may not be aware is his desire to make his own creative impulse part
of the imprint of that flow and have ihe immutability of a sign akin
to that of a mediumistic message. His lense er serene compositons, iheir
airiness or massiveness are ihe artist's interpretation of the basic
opposition "Yin-Yang". That is in every sporadic and natural jesture
of the artist with all its individual timbre and personal colouring
we perceive the universal law of being, which makes a worc an object
of art rather than an accidental combination of lines and colours.
A similar approach to work was followed by ancient Chinese masters.
As one of ihe ancient masters of calligraphy noted, "if the heart is
set correcily, ihe brush moves in a right way. lf ihe heart is right
is right, the brush is also right".
Galina Yelshevskay
1993
About Victor Nikolayev
In April this year Nikolayev
stayed as a guest at my house in Jerusalem. It was a gorgeous springlime,
everything was in blomm under ihe bright sun and while thousands of
prodigious local people and tourists and pilgrims from different countries
flabbergasied by ihe holiness of the place crowded ihe streels, the
painter Nikolayev worked. As always, he worked hard and was absorbed
by his work. At first 1 was surprised by ihe colours on his pictures
- predominantly dense, frequently dark, occasionally simply dull colours
with an abundance of gray, brownish and black. Nothing reflecied ihe
dazing whiteness of Jerusalem siones, its piercingly blue sky and the
rite of Mediterranean greens. But why should ihe artist reflect anything?
"A poet is not a lake with patches of water-lilies covering ils fase".
Nikolayev worked then as he had always worked. The most remarkable thing
about him is his bein true to himself under all circumstances. 11 is
in this way that he had worked in Moscow and Paris, this is how he works
now in Cologne. Even ihe most exotic surrounding hardly can drastically
change him.
Nikolayev is ihe same always and everywhere. He belongs to thouse visionary
painters who see things not outside but inside, and not inside things
but inside themselves. Nikolayev is neither a viewer or a contemplator
nor a transformer. His pictures are sheer speculations in colours. Consciously
or not, he confesses ehe main principle of life and work postulaied
by a Taoist philosopher - to understand ihe universe without leaving
one's house.
The pictorial world created by Nikolayev is the worlds of pure forms
ihat ultimalely are the essence of painling. The world of colours, lines
and texture raised to the sublime heights above ihe prophane reality,
above the rough objectivily of things and the illusion of human relations.
His paintings are the works of a simple philosopher, of a humble being
in this world, who has seen the primordial chaos behind the thin network
of classifying regulations thal is lermed culture. Nikolayev's world
is a world where things were not yet given iheir names, it is as simple
as ihe mooing of a cow.forwords are not needed if the universality of
life is felt, the life in which everything fuses in one and one is present
in everything, as was said in olden times. The painter Nikolayev could
have become a nice companion to a Chinese wise man who was lookong for
someone who forgot ihe words he wanted to tell him.
Not many, however, can be in the shoes of a philosopher. The predominance
of verbalism impedes the perception of paintings as such. Conceptualism,
the latest and driving expansion of literature into ihe domain of visual
arts, has given rise to a host of quasivisual lexts - clever, ironical
and umbigious, ihat nearly have made us all forget that ihere ever was
such an art as painling, ihe art of placing colours on a plane, which
quite adequately met the demands of the times.
Nikolayev's works are post-conceptualistic and free from words, ideas,
pseudodeniocratic rubbish and so on. His compositions do not bear any
narnes as they are considered by ihe artist to be non-prograrnmatic
musical pieces Ihat reflect the slate of bis anima when his anirnus
is engrossed in abstract reflections. lt is difficult to perceive ihem
adequately without any descriptive crutches, at least in the form of
a name, so people who made ihe catalogue of bis works exhibited in Paris
called his big canvass with abundant red blots of angular shapes as
"Reds are Coming". As was expected, ihe commercial value of the work
increased after that while ils spiritual atteraction field became weaker.
The lyrical expressionism of Nikolayev's abstractions is indiffernet
not only to the time and place of action - be it Moscow of ihe stagnation
and perestroyka period or Paris and Jerusalern (you may add necessary
definitions if you feel like ii). He seeks to niake his works ideal
painting not bound to a specific material, the carrier of his colour
blots, circles and flourishes. He can paint on a canvass, on a tablecloth,
on colour curtains and on a piece of found in a trash bin. There was
a time when he used to paint on the canvass from the adverlizing stands
near the Central House of Artists in Crymsky Val. After casual priming
official announcement like "Painting", "Graphics" or something still
more absurd could be seen below ihe inarticulate eniotional message
of ihe artist as some foreign words from that heap of garbage on which
ihe unabashed word-free lexis of our author grow.
Those canvasses with the barely painied over advertising of works of
Soviet masters of fine arts seem to be a post-conceptualist (and even
post-cultural) palimpsest on which the painter has drawn with his dreamy
brush (recall the Eastern mythologenie of dream) unspoken signs that
remained after the death of human speech. The art of Victor Nikolayev
can be regarded as an art of abstract calligraphy, as an alphabet of
primary graphemes devoid of any conventional meaning. Nevertheless,
the spontaneous birth in can be read if one follows the impetuous strokes
and smooth lines. Read as a text spoken in an unknow tongue (1 Cor.
13-14), for it is spoken in ihe spirit.
Yevgeny Steiner
Jerusalim's University 1993
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